Von der Palliativstation zur Wochenbettstation – was mir der Wechsel vom Lebensende zum Lebensanfang gezeigt hat

Ich bin seit 13 Jahren Krankenschwester. Fast zehn Jahre davon habe ich auf einer Palliativstation gearbeitet.

Seit zwei Jahren arbeite ich auf der Wochenbettstation.

Wenn ich das erzähle, kommt fast immer dieselbe Reaktion:

„Krass. Wie war das für dich, vom Lebensende zum Lebensanfang zu wechseln?“

Ich habe lange gebraucht, um diese Frage selbst zu beantworten.

Denn so gegensätzlich diese beiden Stationen auf den ersten Blick wirken – irgendwann habe ich gemerkt, dass sie mehr miteinander verbindet, als ich zunächst dachte.

Zehn Jahre, die man nicht einfach hinter sich lässt

Auf der Palliativstation habe ich Menschen in ihren letzten Tagen, manchmal auch in ihren letzten Stunden begleitet.

Menschen, die ein langes Leben hinter sich hatten und in Ruhe Abschied nehmen konnten.

Aber auch sehr viele junge Menschen.

Menschen in meinem Alter. Manche jünger.

Eltern, die wussten, dass sie ihre Kinder nicht aufwachsen sehen würden. Junge Erwachsene, die noch so viele Pläne hatten. Familien, deren Leben sich innerhalb kürzester Zeit komplett verändert hatte.

Diese Erfahrungen vergisst man nicht einfach, nur weil man irgendwann auf einer anderen Station arbeitet.

Ich habe Hände gehalten, während Menschen ihren letzten Atemzug gemacht haben. Ich habe Angehörige begleitet, die gerade begreifen mussten, dass es kein Morgen mehr geben wird.

Und ich habe gelernt, in Situationen zu funktionieren, in denen eigentlich gar nichts mehr funktionieren kann.

Trotzdem menschlich zu bleiben.

Nicht nur Pflege zu leisten, sondern einem Menschen wirklich zu begegnen.

Was mich dabei am meisten geprägt hat, war irgendwann gar nicht mehr der Tod selbst.

Es war die Nähe zu Menschen in ihrer verletzlichsten Zeit.

Wenn alle Fassaden fallen. Wenn niemand mehr so tun muss, als wäre alles in Ordnung.

Was mir die Palliativpflege für das Wochenbett mitgegeben hat

Wenn Menschen an Palliativpflege denken, denken sie wahrscheinlich zuerst an Trauer, Schmerz und Abschied.

Ich denke heute vor allem an ein Wort:

Präsenz.

Zuhören, ohne sofort eine Lösung anbieten zu müssen.

Aushalten, ohne etwas schönzureden.

Nicht jedes Gefühl sofort wegmachen wollen.

Und vor allem: bleiben.

Ich habe gelernt, dass man einem Menschen am Lebensende nicht einfach sagen kann: „Das wird schon wieder.“

Manchmal wird es eben nicht wieder.

Man kann dann nicht alles reparieren. Man kann nur da sein. Zuhören. Eine Hand halten. Ruhe geben. Und die Situation nicht noch schwerer machen, indem man versucht, sie mit irgendwelchen Floskeln zu füllen.

Genau diese Haltung brauche ich heute auf der Wochenbettstation.

Nur unter völlig anderen Umständen.

Wenn eine frisch entbundene Mama nachts weint, weil sie erschöpft und überfordert ist, braucht sie manchmal nicht als Erstes medizinische Informationen.

Sie braucht jemanden, der nicht sofort sagt:

„Das wird schon.“

Sondern jemanden, der erstmal sagt:

„Ich sehe, dass es gerade verdammt viel ist.“

Und dann bleibt.

Diese Fähigkeit habe ich nicht im Wochenbett gelernt.

Ich habe sie an den Betten sterbender Menschen gelernt.

Lebensanfang und Lebensende sind sich manchmal ähnlicher, als man denkt

Es gibt Momente auf der Wochenbettstation, in denen mir meine Zeit auf der Palliativstation besonders bewusst wird.

Zum Beispiel eine Nachtschicht.

Eine Mutter nach einer schweren Geburt. Erschöpft, überwältigt, voller Emotionen. Das Baby liegt neben ihr, aber sie selbst ist gerade einfach nur noch müde.

Früher hätte ich vielleicht stärker darüber nachgedacht, was ich jetzt konkret tun kann.

Heute kann ich mich auch einfach einmal daneben setzen.

Nicht sofort reden.

Nicht sofort erklären.

Nicht sofort lösen.

Einfach da sein.

Und manchmal merke ich in genau solchen Momenten, dass ich diese Haltung schon sehr lange kenne.

Ich habe sie nur an einem anderen Ort gelernt.

Auf der Palliativstation saß ich neben Menschen, die wussten, dass ihr Leben bald enden würde.

Heute sitze ich neben Frauen, deren Leben sich gerade für immer verändert hat.

Das eine ist Abschied.

Das andere ist Anfang.

Und trotzdem befinden sich beide Situationen außerhalb dessen, was wir normalerweise als Alltag bezeichnen.

Menschen fallen aus ihrem normalen Leben

Vielleicht ist das die größte Gemeinsamkeit, die ich heute sehe.

Sowohl am Lebensende als auch direkt nach der Geburt fallen Menschen aus ihrem gewohnten Leben heraus.

Auf der Palliativstation, weil plötzlich klar wird, dass das bisherige Leben nicht mehr so weitergehen wird.

Auf der Wochenbettstation, weil plötzlich ein Mensch da ist, von dem ab jetzt alles anders sein wird.

Beides kann wunderschön sein.

Beides kann erschreckend sein.

Beides kann überfordern.

Und beides sind Situationen, in denen Menschen unglaublich verletzlich sind.

Genau deshalb reicht es meiner Meinung nach nicht, nur die medizinische Seite zu sehen.

Eine Mutter kann körperlich stabil sein und trotzdem völlig am Limit.

Eine Familie kann freundlich lächeln und gleichzeitig gerade überhaupt nicht wissen, wie sie mit der neuen Situation umgehen soll.

Und manchmal merkt man das nicht daran, was jemand sagt.

Sondern daran, was zwischen den Worten passiert.

Die Menschen, die ich am Lebensende begleitet habe, sind heute Teil meiner Arbeit

Ich denke noch oft an Menschen zurück, die ich während meiner Zeit auf der Palliativstation begleitet habe.

Auch an einen jungen Vater, der wusste, dass er die Kindheit seiner Tochter nicht mehr erleben würde.

Was mir von solchen Begegnungen geblieben ist, sind oft gar nicht die medizinischen Details.

Es sind Sätze.

Blicke.

Gesten.

Und vor allem die Erinnerung daran, wie wichtig es für Menschen sein kann, dass jemand bleibt, wenn eine Situation nicht mehr repariert werden kann.

Diese Erfahrung begleitet mich bis heute.

Auch auf der Wochenbettstation.

Denn natürlich kann ich eine Geburt nicht ungeschehen machen.

Ich kann eine überforderte Mama nicht einfach von ihrer Erschöpfung befreien.

Ich kann ihr auch nicht versprechen, dass ab morgen alles leicht wird.

Aber ich kann mich zu ihr setzen.

Ich kann zuhören.

Ich kann ernst nehmen, was sie gerade fühlt.

Und ich kann ihr für diesen Moment das Gefühl geben, dass sie damit nicht alleine ist.

Ich glaube, die Palliativpflege hat mich zu einer anderen Wochenbett-Krankenschwester gemacht

Vielleicht wäre ich auch ohne diese zehn Jahre eine gute Krankenschwester auf der Wochenbettstation geworden.

Das kann ich natürlich nicht wissen.

Aber ich weiß, dass ich heute anders hinschaue.

Ich achte stärker auf die Mama, die sagt:

„Eigentlich geht es mir gut.“

…aber dabei Tränen in den Augen hat.

Auf die Frau, die körperlich schon wieder erstaunlich fit wirkt, emotional aber überhaupt nicht hinterherkommt.

Auf Familien, die Hilfe brauchen, aber nicht danach fragen.

Und auf die kleinen Dinge, die im hektischen Stationsalltag leicht untergehen können.

Denn zehn Jahre lang habe ich erlebt, wie schnell sich ein Leben verändern kann.

Wie zerbrechlich Menschen sind.

Und wie kostbar Zeit miteinander ist.

Vielleicht hat mich genau das gelehrt, die Anfänge anders zu betrachten.

Wenn ich heute ein Neugeborenes im Arm einer erschöpften Mutter sehe, sehe ich nicht nur eine Geburt.

Ich sehe den Anfang von etwas, das für diese Familie alles verändern wird.

Und ich weiß gleichzeitig, wie wenig selbstverständlich das Leben ist.

Vom Lebensende zum Lebensanfang

Manchmal werde ich noch gefragt, ob der Wechsel von der Palliativstation auf die Wochenbettstation für mich ein großer Gegensatz war.

Ja.

Natürlich.

Aber heute würde ich nicht mehr sagen, dass ich einfach vom Lebensende zum Lebensanfang gewechselt bin.

Ich habe etwas von der einen Station auf die andere mitgenommen.

Die Erinnerung daran, dass hinter jedem Bett ein Mensch mit einer eigenen Geschichte liegt.

Dass nicht jede Situation gelöst werden muss.

Dass Zuhören manchmal Pflege ist.

Dass Aushalten manchmal wichtiger ist als Reden.

Und dass echte Aufmerksamkeit niemals zur Routine werden sollte.

Am Lebensende genauso wenig wie am Anfang eines neuen Lebens.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die mir meine Jahre auf der Palliativstation für das Wochenbett mitgegeben haben:

Manchmal ist die wertvollste pflegerische Fähigkeit nicht, sofort die richtige Lösung zu kennen.

Sondern bei einem Menschen bleiben zu können, wenn es gerade einfach schwer ist.

Das habe ich am Lebensende gelernt.

Und heute gebe ich es am Lebensanfang weiter.

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